Vortrag: Transnationale und lokale Organisierungs­prozesse und die geplante ILO-Konvention „Decent Work for Domestic Workers“

Do | 17.06.2010 | 18 Uhr
Helen Schwenken (Uni Kassel)
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Dass Haushaltsarbeiterinnen weltweit unter prekären und oft auch ausbeuterischen Bedingungen arbeiten, ist bekannt. Erst seit kurzem zeigen auch Internationale Organisationen mehr Interesse. Die International Labour Organisation (ILO) diskutiert eine Konvention „Decent work for domestic workers“. Helen Schwenken wird in ihrem Beitrag drei Problemkomplexe diskutieren: Erstens die Verknüpfung von lokalem Aktivismus und globalem Lobbying für eine solche Konvention, die weder einfach noch konfliktfrei ist. Zweitens, ob die von der ILO vorgeschlagenen Maßnahmen geeignet sind, um der Komplexität der Problematik gerecht zu werden, denn es überlappen sich vier Regime: Geschlechterregime, Sorgeregime, Migrationsregime und Arbeits­(rechts)regime. Damit ist die dritte Frage nach der Bedeutung einer ILO-Konvention verbunden. Gibt es die Chance, die realen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Haushaltsarbeiterinnen weltweit zu verbessern? Oder bleibt die Konvention – wie viele vor ihr – ein zahnloser Tiger?

Film: Import/Export

(135. Min/ Deutsch sowie Russisch und Slowakisch mit deutschen Untertiteln)
Regie: Ulrich Seidl, Österreich 2007
Mi | 16.06.2010 | 20 Uhr
Ort: Capitol in der Biegenstraße 8
Eintritt frei

Mit zum Teil bedrückend realitätsnahen, kalten und tristen, aber vor allem auch drastischen Bildern erzählt Regisseur Ulrich Seidl zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die eine Geschichte beginnt in der Ukraine und handelt von der jungen Mutter und Krankenschwester Olga, die ihr Kind zurück lässt und nach Österreich geht. Sie erhofft sich, den sich ihr in ihrer Heimat bietenden trostlosen Perspektiven zu entkommen. In Österreich angekommen findet Olga Arbeit als Haushaltshilfe in einer Villa, verliert diese und landet schließlich als Putzfrau in einer Geriatrie.

Die andere Geschichte handelt von dem jungen Österreicher Pauli, der seinen gerade erst begonnenen Job als Security-Wachmann verliert. Um seine Schulden bei seinem Stiefvater abzuarbeiten, fährt er mit diesem auf eine Arbeitsreise in die Ukraine, um dort Spielautomaten aufzustellen.

Verbunden werden die beiden Erzählstränge von dem Wunsch der ProtagonistInnen, den Zwängen ihrer bisherigen Lebenssituationen zu entkommen und einen Neuanfang zu wagen.

Die Vorführung muss leider entfallen. Für alle thematisch Interessierten bieten wir eine kurze Zusammenfassung mit Szeneneinspielungen und einen themengleichen Vortrag an.

Filme: Mit einem Lächeln auf den Lippen (57 Min./ Deutsch und Spanisch mit deutschen Untertiteln) und Lotería (60 Min./ Spanisch mit englischen Untertiteln)

Mi | 26.05.2010 | 20 Uhr
Filme: Mit einem Lächeln auf den Lippen (57 Min./ Deutsch und Spanisch mit deutschen Untertiteln) und Lotería (60 Min./ Spanisch mit englischen Untertiteln)
Ort: Capitol in der Biegenstraße 8
Eintritt frei


Mit einem Lächeln auf den Lippen – Eine Hausarbeiterin ohne Papiere zieht vors Arbeitsgericht: „Ich dachte, ohne Papiere hätte ich keine Chance. Als sie mir sagten, dass ich auch ohne Papiere mein Recht einfordern kann, war das für mich ganz neu. Ich dachte immer, ohne Papiere geht gar nichts. Anfangs war ich sehr nervös. Jetzt nicht mehr, ich bin viel mutiger geworden. Jetzt sage ich, ich verlange nur, was mir gehört. Ich erwarte nicht, dass mir jemand etwas schenkt. Ich verlange nur, was mir zusteht. Es ist der Lohn für meine Arbeit, die ich bereits geleistet habe.“ (Ana S.)

Ana S. beschließt nach 3 Jahren unterbezahlter Hausarbeit bei einer Hamburger Familie, dass sie einen angemessenen Arbeitslohn vor Gericht einklagen will – obgleich sie als „illegal“ gilt, weil sie keinen offiziellen Aufenthaltstitel hat… Trotz aller Schwierigkeiten zeigt dieser Fall, dass es sich lohnt, sich zu wehren. Er zeigt auch, dass dringend Unterstützungsstrukturen geschaffen werden müssen, die es auch anderen Illegalisierten möglich machen, für ihre Rechte zu kämpfen. Dass verschiedene antirassistische Gruppen, Initiativen und Organisationen in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft in Hamburg den Fall gemeinsam unterstützt haben, und sie zudem eine reguläre arbeitsrechtliche Anlaufstelle für undokumentierte Arbeiter/innen aufgebaut haben, ist ein ermutigender Anfang. Ana S. und verschiedene Unterstützer und Unterstützerinnen erzählen die Geschichte (Mónica Orjeda, verikom, Peter Bremme, FB 13 ver.di, Norbert Cyrus, Universität Oldenburg u.a.). Tanz und Choreografie: Mariela Durand Huamán.


Lotería: Drei Szenarios von Familien und Haushalten. In Mexiko sind Kindermädchen bis heute fester Bestandteil der Mittelstandsfamilie. Der Film zeigt wie emotionale Bindungen, Lohnarbeit und Hierarchien im Arbeitsplatz Haushalt aufs engste miteinander verknüpft sind. Eine Produktion des Hebbel am Ufer Berlin im Rahmen des Festivals „Your Nanny Hates You“, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.

Film: HausHaltHilfe – Arbeiten im fremden Alltag und anschließendes Filmgespräch mit der Regisseurin Petra Valentin

Do | 20.05.2010 | 20 Uhr
Film: HausHaltHilfe – Arbeiten im fremden Alltag (92 Min./ deutsch, polnisch, spanisch u.a. mit deutschen Untertiteln) und anschließendes Filmgespräch mit der Regisseurin Petra Valentin
Ort: Capitol in der Biegenstraße 8
Eintritt frei

Regie: Petra Valentin

Deutschland 2006 / 92 Minuten

Der Dokumentarfilm „HAUS – HALT – HILFE – arbeiten im fremden Alltag“ skizziert die Arbeits- und Lebenswelten von sieben Personen, die als Haushaltshilfen Kinder betreuen, sauber machen, bügeln, Haus und Garten pflegen und noch so viel mehr Tätigkeiten verrichten, die oft im Verborgenen statt finden und kaum entsprechend gewürdigt werden. Die Filmemacherin Petra Valentin begleitet drei deutsche Frauen, eine philippinische, eine polnische und eine peruanische Frau sowie einen philippinischen Mann bei ihrer Arbeit in fremden Haushalten in Deutschland und gibt ihnen Raum, die Probleme und Konflikte darzustellen, mit denen sie tagtäglich auch jenseits dieses Mikrokosmoses konfrontiert sind.

Diese reichen von durchaus selbstbewussten Kämpfen um Anerkennung und Selbstbehauptung am Arbeitsplatz bis hin zu Heimweh und Sehnsucht nach der eigenen Familie. Für einige von ihnen, deren Aufenthalt illegalisiert ist, kommt zudem noch die Angst vor Entdeckung und Abschiebung hinzu.

Die interviewten Personen berichten in ihren jeweiligen Landessprachen. Der Film ist mit deutschen Untertiteln.

Podium: Arbeiten in der Care-Lücke zwischen Helfer_innensyndrom und Arbeitskampf

Mi | 19.05.2010 | 20 Uhr
Podium: Arbeiten in der Care-Lücke zwischen Helfer_innensyndrom und Arbeitskampf
Annette Henninger (Uni Marburg), Nina Schritt (Tageselternprojekt GendA Uni Marburg) und FIB AssistentInnenvertretung Marburg
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Der staatlich organisierte Bereich an Versorgungsdienstleistungen wie Kindertagesstätten, Krippen, Pflegediensten und ähnliche, deckt nur einen kleinen Teil der gesellschaftlich notwendigen Care-Arbeit ab. Es gibt einen darüber hinausgehenden immensen Bedarf an Versorgungsarbeit, die zur täglichen Reproduktion des Lebens notwendig ist. Diese wird u.a. von Kindertagespflegepersonen, Haushaltshilfen, in Form von ambulanter Pflege oder aber auch als Unterstützung und Assistenz im Alltag verrichtet. Der gesamte Umfang solcher informellen Betreuungs- und Pflegeleistungen lässt sich schwer bemessen, da verlässliche Zahlen jenseits öffentlich geförderter Stellen kaum vorhanden sind.

Wir wollen in unserer Veranstaltung zum einen der Frage nachgehen, wie sich diese „Care-Lücke“, also der über das öffentliche Angebot hinausgehende Bedarf an Arbeitskräften, entwickelt hat und dabei den Fokus vor allem auf die Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und politischer Regulationen legen. So hat die erhöhte Integration von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt in Folge der Frauenbewegung zu einem erhöhten Bedarf an Betreuungsleistungen für Kinder und Pflegebedürftige geführt. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist der demographische Wandelt. Auch der von der Behindertenbewegung geforderte Anspruch auf ein möglichst selbstbestimmtes und autonomes Leben erfordert ein mehr an personeller Unterstützung in bestimmten Bereichen. Wie wurde aber wohlfahrtsstaatlich auf diese verschiedenen Emanzipationsansprüche und Entwicklungen reagiert? Und wie wirken sich diese Regulationen wiederum direkt auf die Praxisfelder aus?

Zum anderen wollen wir uns anschauen, wie sich die konkreten Arbeitsverhältnisse und -bedingungen gestalten. Wie können die Interessen der Beschäftigten gewahrt bzw. durchgesetzt werden ohne den Autonomieanspruch der zu betreuenden Person einzuschränken? Wie wirken sich die zum Teil enormen (emotionalen) Abhängigkeiten auf Care-Arbeitsverhältnisse aus? Welche Konfliktlagen ergeben sich aus dem Spannungsfeld von Abhängigkeit und Autonomie in der konkreten (Arbeits-)Beziehung?

Letztlich geht es auch darum, Perspektiven für eine veränderte und vor allem auch bessere Gestaltung von Care-Arbeit zu entwickeln, die das Spannungsfeld von Abhängigkeit, Autonomie und Emanzipation nicht einseitig auflöst, sondern den jeweiligen Dimensionen gerecht werden kann.

Es diskutieren gemeinsam Annette Henninger von der Philipps Universität Marburg, Nina Schritt von der Forschungs- und Kooparationsstelle GendA der Philipps Universität Marburg sowie RepräsentantInnen der AssistentInnenvertretung des „Vereins zur Förderung der Integration Behinderter e.V.“ Marburg.

Vertiefender Workshop zu Care und Ökonomie

Fr | 07.05.2010 | 10-16h
Vertiefender Workshop zu Care und Ökonomie
Kathrin Englert (TU Hamburg-Harburg) und AK linker Feminismus (Berlin)
Ort: Gender-Zentrum, Wilhelm-Röpke-Straße 6, Block F, Raum 03F04

Zusammen mit Kathrin Englert von der TU Hamburg-Harburg und dem AK linker Feminismus aus Berlin möchten wir uns eine feministisch-kritische Sicht auf das Verständnis von Care-Arbeit im Kapitalismus erarbeiten. Lange Zeit war alle Arbeit jenseits der Erwerbsarbeit in ökonomischen Gesellschaftstheorien unterbelichtet, erst der feministische Diskurs hat hier einen erhellenden Impuls gesetzt. Aber auch nach wie vor ist Care-Arbeit nicht angemessen im vorherrschenden Arbeitsbegriff erfasst. Die zentrale Fragestellung der Veranstaltung ist daher die notwendige Erarbeitung eines erweiterten Arbeitsbegriffes aus feministischer Sicht.

Ziel ist es dabei zu diskutieren, welche Grenzen die Dichotomie von (Re-)Produktionsarbeit aus theoretisch-konzeptioneller Sicht hat und warum eine feministische Ökonomiekritik eher jenseits als diesseits des marxistischen Wertbegriffes liegt. Da die Anzahl der Plätze im Workshop begrenzt ist wird um eine Voranmeldung per Email an care@lists.uni-marburg.de gebeten.

Podium: Care und Ökonomie: feministische Erweiterungen des Arbeitsbegriffs

Do | 06.05.2010 | 20 Uhr
Podium: Care und Ökonomie: feministische Erweiterungen des Arbeitsbegriffs
AK linker Feminismus (Berlin), Ingrid Kurz-Scherf (Uni Marburg) und Kathrin Englert (TU Hamburg-Harburg)
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Arbeit ist heute für Menschen identitäts- und anerkennungsbildender den je. Menschen definieren sich über das, was sie beruflich tun und wieviel Wertschätzung sie dafür erhalten. Dies bezieht sich jedoch nur auf „produktive“ Erwerbsarbeit und nicht – egal ob bezahlt oder unbezahlt – auf „reproduktive“ Tätigkeiten wie Sorgen, Pflegen, Erziehen, die zum Großteil von Frauen verrichtet werden und dementsprechend auch als „weiblich“ gelten.

In Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise wird die Erwerbsarbeitsgesellschaft zunehmend in Frage gestellt. Dies führt nicht etwa zu einer Aufwertung von Care-Arbeit, sondern führt dazu, dass diese zunehmend re-privatisiert und rationalisiert wird. Jedoch lässt sich diese Arbeit nicht „optimieren“, wie am Fließband produzierte Autos, denn es geht um das Arbeiten mit und für Menschen, die nicht nach den Regeln der Stoppuhr funktioniert.

Es ist und bleibt also eine der zentralen Herausforderungen an die feministische Theorie, sich kritisch und streitbar mit der Erweiterung des vorherrschenden Arbeitsbegriffes auseinander zusetzen und Leerstellen in Bezug auf Geschlechterverhältnisse sichtbar zu machen. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist: Wie können ein linker Feminismus und eine marxsche Gesellschaftskritik zusammen gedacht werden?

Hierbei geht es sowohl darum sich kritisch mit den Begriffen Produktion und Reproduktion auseinander zusetzen und wie diese aus feministischer Sicht angemessen in ein Verhältnis zu setzen sind. Bietet die Debatte um Care-Arbeit hier neue wichtige Impulse? Ein wichtiger Ansatzpunkt für eine feministische Erweiterung des Arbeitsbegriffes könnte hierbei sein, Arbeit so zu definieren, dass sie die „wirklichen“ und grundlegenden Bedürfnisse jenseits der vorherrschenden kapitalistischen Marktlogiken beachtet. Denn wir brauchen nicht noch mehr billig produzierte Massenprodukte, sondern die Möglichkeit, dass jede und jeder leben und sein Potenzial so entfalten kann, wie mensch es sich wünscht.

Vortrag: Migrant_innen in Privathaushalten und transnationalen Räumen: global-care-chains

Mi | 05.05.2010 | 20 Uhr
Vortrag: Migrant_innen in Privathaushalten und transnationalen Räumen: global-care-chains
Helma Lutz (Uni Frankfurt)
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Wer sorgt für wen in welchem geographischen Raum? Migrantinnen, die in deutschen Haushalten arbeiten und eine Versorgungslücke in der Pflege und Betreuung alter Menschen oder von Kindern übernehmen, lassen in der Regel Familienangehörige im Herkunftsland zurück, deren Betreuung und Versorgung nun wiederum zu organisieren ist. Durch den Abzug von Care-Ressourcen (Care-Drain) entsteht ein Defizit, das die betroffenen Migrantinnen in der Regel durch selbstorganisierte Arrangements im Familienkreis lösen, das aber keineswegs immer stabil sondern latent verletzlich ist. Der Vortrag berichtet über die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, das sich mit der Versorgungskette zwischen der Ukraine, Polen und Deutschland beschäftigt hat.

Film: Paper Dolls (80 Min./ Englisch und Hebräisch mit englischen Untertiteln)

Do | 29.04.2010 | 20 Uhr
Film: Paper Dolls (80 Min./ Englisch und Hebräisch mit englischen Untertiteln)
Ort: Capitol in der Biegenstr. 8
Eintritt frei

Nach dem Beginn der Zweiten Intifada schloss Israel seine Grenzen für ArbeiterInnen aus den Palästinensischen Gebieten, die in den Jahren zuvor die am schlechtesten bezahlten Arbeitsplätze ausgefüllt hatten. Die Behörden ermunterten Arbeitskräfte aus aller Welt zur Einreise nach Israel, um die Stellen zu besetzen. Zu denen, die kamen, gehörten auch philippinische Transsexuelle. Ihre neue Arbeit beansprucht sie sehr. Oftmals rund um die Uhr pflegen sie ältere, orthodoxe jüdische Männer. An einem Abend in der Woche aber haben sie frei. Dann leben sie ihren persönlichen Traum und treten als Drag-Queens in Tel Aviv auf. „Paper Dolls“ heißt ihr Ensemble…

Die Vorführung muss leider entfallen. Für alle thematisch Interessierten bieten wir eine kurze Zusammenfassung mit Szeneneinspielungen und einen themengleichen Vortrag an.

Vortrag: Zum Sorgen verpflichtet? Möglichkeiten und Grenzen einer Care-Ethik aus normativ-kritischer Perspektive

Mi | 28.04.2010 | 20 Uhr
Vortrag: Zum Sorgen verpflichtet? Möglichkeiten und Grenzen einer Care-Ethik aus normativ-kritischer Perspektive
Daniel Kersting (Uni Marburg)
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)

Fürsorge, Beziehungsorientiertheit und Kontextsensitivität, Kontingenz und Verletzbarkeit – das sind Grundbegriffe einer Ethik der Sorge. Ausgehend von der durch Carol Gilligans Werk „In a different voice“ angestoßenen Debatte um eine „weibliche Moral“ haben sich seit Mitte der 80er Jahre unterschiedliche Caring-Konzepte in der Ethik etabliert. Sie alle vereint eine grundlegende Skepsis gegenüber Moral- und Rechtstheorien, die den Autonomie- und Gerechtigkeitsbegriff ins Zentrum ihrer Überlegungen rücken. Kritisiert wird eine Ausrichtung des Handelns an abstrakten Idealen und Prinzipien, die der Lebenswirklichkeit vieler Menschen nicht gerecht wird. Stattdessen klagen VertreterInnen einer Care-Ethik den Bezug auf den/die „konkrete/n Andere/n“ ein, betonen den Kontext und die Situiertheit allen Handelns sowie die Rolle von Gefühlen in der moralischen Entscheidungsfindung.

Im Vortrag sollen die Grundstrukturen einer Ethik der Sorge nachgezeichnet und ihr Potential für eine Kritik traditioneller und gegenwärtiger Geschlechterideologien und gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse v.a. im Bereich der Care-Arbeit erörtert werden.
In einem ersten Schritt soll Gilligans entwicklungspsychologischer Entwurf einer „weiblichen Moral“ vorgestellt und ihre Rezeption in der philosophischen Ethik unter einer ideologiekritischen Perspektive diskutiert werden. Es wird sich zeigen, dass Konzepte einer geschlechtsspezifischen Moral dazu tendieren, hinter ihren eigenen emanzipatorischen Anspruch zurückzufallen. In einem zweiten Schritt werden neuere Caring-Konzepte daraufhin befragt, ob und in welcher Weise sie ihren Anspruch, gendersensibel zu sein, einlösen, ohne in die „Essentialismus-Falle“ ihrer Vorgängerinnen zu geraten. Schließlich soll gezeigt werden, dass eine normative Ethik der Sorge auf Konzepte von Autonomie, formaler Gleichheit und einem ethischen Universalismus nicht verzichten kann. In einem kurzen Ausblick sollen die Begriffe Autonomie und Fürsorge so reformuliert werden, dass sie nicht länger als konkurrierende Konzepte verschiedener Moraltheorien verstanden werden müssen, sondern als wechselseitig aufeinander verweisende Aspekte einer Ethik begriffen werden können. Erst unter dieser Theorievoraussetzung kann auf der Grundlage einer Ethik der Sorge begründete und wirksame Kritik an unseren individuellen und gesellschaftlichen Praxen geleistet sowie ethische Orientierung im Handeln gewonnen werden.