Mi | 19.05.2010 | 20 Uhr
Podium: Arbeiten in der Care-Lücke zwischen Helfer_innensyndrom und Arbeitskampf
Annette Henninger (Uni Marburg), Nina Schritt (Tageselternprojekt GendA Uni Marburg) und FIB AssistentInnenvertretung Marburg
Ort: Orientzentrum in der Deutschhausstraße 12 (Hörsaal 00A26)
Der staatlich organisierte Bereich an Versorgungsdienstleistungen wie Kindertagesstätten, Krippen, Pflegediensten und ähnliche, deckt nur einen kleinen Teil der gesellschaftlich notwendigen Care-Arbeit ab. Es gibt einen darüber hinausgehenden immensen Bedarf an Versorgungsarbeit, die zur täglichen Reproduktion des Lebens notwendig ist. Diese wird u.a. von Kindertagespflegepersonen, Haushaltshilfen, in Form von ambulanter Pflege oder aber auch als Unterstützung und Assistenz im Alltag verrichtet. Der gesamte Umfang solcher informellen Betreuungs- und Pflegeleistungen lässt sich schwer bemessen, da verlässliche Zahlen jenseits öffentlich geförderter Stellen kaum vorhanden sind.
Wir wollen in unserer Veranstaltung zum einen der Frage nachgehen, wie sich diese „Care-Lücke“, also der über das öffentliche Angebot hinausgehende Bedarf an Arbeitskräften, entwickelt hat und dabei den Fokus vor allem auf die Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und politischer Regulationen legen. So hat die erhöhte Integration von Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt in Folge der Frauenbewegung zu einem erhöhten Bedarf an Betreuungsleistungen für Kinder und Pflegebedürftige geführt. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist der demographische Wandelt. Auch der von der Behindertenbewegung geforderte Anspruch auf ein möglichst selbstbestimmtes und autonomes Leben erfordert ein mehr an personeller Unterstützung in bestimmten Bereichen. Wie wurde aber wohlfahrtsstaatlich auf diese verschiedenen Emanzipationsansprüche und Entwicklungen reagiert? Und wie wirken sich diese Regulationen wiederum direkt auf die Praxisfelder aus?
Zum anderen wollen wir uns anschauen, wie sich die konkreten Arbeitsverhältnisse und -bedingungen gestalten. Wie können die Interessen der Beschäftigten gewahrt bzw. durchgesetzt werden ohne den Autonomieanspruch der zu betreuenden Person einzuschränken? Wie wirken sich die zum Teil enormen (emotionalen) Abhängigkeiten auf Care-Arbeitsverhältnisse aus? Welche Konfliktlagen ergeben sich aus dem Spannungsfeld von Abhängigkeit und Autonomie in der konkreten (Arbeits-)Beziehung?
Letztlich geht es auch darum, Perspektiven für eine veränderte und vor allem auch bessere Gestaltung von Care-Arbeit zu entwickeln, die das Spannungsfeld von Abhängigkeit, Autonomie und Emanzipation nicht einseitig auflöst, sondern den jeweiligen Dimensionen gerecht werden kann.
Es diskutieren gemeinsam Annette Henninger von der Philipps Universität Marburg, Nina Schritt von der Forschungs- und Kooparationsstelle GendA der Philipps Universität Marburg sowie RepräsentantInnen der AssistentInnenvertretung des „Vereins zur Förderung der Integration Behinderter e.V.“ Marburg.